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PRESSE | Zur Diskussion über Qualität im Deutschen Fernsehen

Zur Diskussion über Qualität im Deutschen Fernsehen

Niemand in den öffentlich rechtlichen Sendern will schlechte, belanglose Programme produzieren. Warum vermissen Zuschauer dennoch immer häufiger gesellschaftliche Relevanz, witzige Unterhaltung und anregende Information auf dem klassischen Bildschirm – dem First Screen?

Zwei Mechanismen verhindern nach unserer Erfahrung in erster Linie die erwünschte Qualität:

1. Die Angst der Sender vor Bestrafung durch die Politik bei sinkender Zuschauerquote

In nahezu jedem Gespräch mit Senderverantwortlichen, ob vertraulich oder öffentlich, kommt irgendwann das nicht beweisbare Argument: Wenn wir auf Qualität setzen und damit sinkende Zuschauerquoten erzielen, werden uns die Politiker sehr bald die Legitimation zum Einzug der Rundfunkabgabe absprechen.

In der Tat fordert die Politik zwar immer wieder Qualität ein, aber sie hat es (im Gegensatz zur Rechtsprechung der obersten Gerichte) bislang versäumt, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk klar und unmissverständlich zu garantieren, dass auch bei sinkenden Quoten die Rundfunkabgabe unangetastet bleibt.

2. Qualität kostet Geld

Die Politik hat aus Sorge um Gebührenstabilität zwar die KEF ins Leben gerufen, dieser Institution aber keinerlei Mittel an die Hand gegeben, Einfluss darauf nehmen zu können, wo und wie gespart wird – oder anders gesagt: darauf zu achten, dass die Sparmaßnahmen nicht die Programmetats und in Folge die Qualität der Programme mindern.

So gleichen die Sender den kontinuierlichen Anstieg ihrer Verwaltungskosten schon seit Jahren durch eine Reduzierung der Programmherstellungskosten aus. Dass dies auf Dauer die Qualität des Programms senkt, kann nicht überraschen.

Die Mehrheit der Programme wird schon lange nicht mehr von den Sendern hergestellt, sondern von Auftragsproduzenten. Diesen Produzenten werden von den Sendern kontinuierlich verschlechterte Produktionsbedingungen aufgezwungen, die sie im eigenen Hause nie durchsetzen könnten. Produzenten und die von ihnen beschäftigten kreativen Filmschaffenden aller Gewerke arbeiten am Rand und immer häufiger unter der Grenze zumutbarer Arbeitsbedingungen und können Programme nur noch „dank“ einem immer erschreckender werdenden Anteil von Selbstausbeutung erstellen.

(Anmerkung: Auch die privaten Sender reduzieren gravierend die Kosten der Programmherstellung und können so trotz stagnierender Werbeeinnahmen Rekordgewinne einfahren. Auf der Strecke bleibt auch dort die Qualität.)

3. Maßnahmen zur Rückgewinnung der programmlichen Qualität

• Die Politik muss sich klar, unmissverständlich und öffentlich zum Prinzip „Qualität geht vor Quote“ bekennen.

• Wenn die Rundfunkabgabe um jeden Preis stabil gehalten, die Qualität aber wieder gehoben oder wenigstens gehalten werden soll, muss endlich die seit langem geforderte uneingeschränkte Transparenz der Mittelverwendung bei allen Sendern und deren Tochtergesellschaften durchgesetzt werden.

Die aufsichtführenden Gremien wie Rundfunk-, Verwaltungs- und Fernsehräte sowie die KEF müssen entscheidend verbesserte, wirkungsvolle Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten erhalten. Dabei darf sich die Kontrolle nicht allein auf die wirtschaftliche Effektivität beschränken, sie muss sich gerade auch auf die Einhaltung und Erfüllung des Auftrags zur Lieferung von Qualitätsprogrammen in den Bereichen Information, Bildung und Unterhaltung erstrecken.

• Wir empfehlen, das KnowHow der hoch ausgebildeten Kreativen, die außerhalb der Sender Tag für Tag die Programmherstellung übernehmen und deren Qualität sichern, in die Kontrollen einzubeziehen. Dies kann durch Anhörungsrechte oder noch besser: durch Vertretungs- und Beratungsrechte bei der KEF und in den anderen Gremien erfolgen.

• Sollte in der Zukunft die Rundfunkabgabe angemessen erhöht werden, so muss sichergestellt sein, dass diese zusätzlichen Mittel tatsächlich in die Programmherstellung und nicht in die Verwaltung und Pensionssicherung der Sender fließen.

• Außerdem empfehlen wir die Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen und Altlasten (die ggf. in eine Art „Bad Broadcaster“ auszulagern wären) ein zukunftsfähiges Modell für die Organisation eines wettbewerbsfähigen, auf Qualität setzenden, öffentlich-rechtlichen, trimedialen Sendeunternehmens erarbeitet.

Köln, den 4. November 2013

Der Vorstand der Deutschen Akademie für Fernsehen

Die Deutsche Akademie für Fernsehen wurde im Dezember 2010 gegründet. Sie versteht sich als Stimme der Kreativen des Deutschen Fernsehens. Ihr gehören derzeit ca. 600 Fernsehschaffende aller Gewerke der Fernsehprogrammherstellung an.

 

Zur Diskussion ueber Qualitaet im Deutschen Fernsehen n.pdf