JOUR FIXE in München am 28. Mai 2019 Protokoll

JOUR FIXE in München am 28. Mai 2019 Protokoll

Alte Grenzen und Neue Wege in Dokumentarfilm und Reportage

Wir diskutierten mit Gabriele Lechner, Gründerin des „Camgaroo Award“: Vor 18 Jahren gegründet und mittlerweile größter Non-Profit-Filmwettbewerb weltweit – mit jährlich einigen 1000 Einreichungen. Der Wettbewerb ist in div. Kategorien ausgeschrieben, Dokumentarfilm und Reportagen, Reisefilm, Fantasy oder Spielfilm. Mittlerweile ein Nachwuchs- und Independent-Wettbewerb mit einer Zielgruppe zwischen 15 und 35 Jahren. Die entsprechende Plattform mit allen eingereichten und prämierten Filmen ist vor wenigen Tagen unter www.filmrebell.tv sozusagen „auf Sendung“ gegangen.

Diese Initiative kommt ohne Förderung aus. Lechner: „Habe alles mit Eigenfinanzierung aufgebaut“. Die Filme des Camgaroo Award beeindrucken durch ihre oft radikalen Erzählweisen, starke und einprägsame Stories ohne Gremienfilter oder vorauseilenden Fördergehorsam. Obwohl diese, oder gerade weil sie, ohne Vermarktungsabsicht erstellt wurden, kommen Handschrift und Haltung der Macher deutlich zum Tragen. „Viele meiner Filmemacher haben ihre ersten Filme schon mit 14 Jahren eingereicht. Und heute gewinnen sie professionelle Filmpreise und realisieren internationale Produktionen. Ganz ohne Filmhochschule.“, ist Lechner stolz.

Es scheint also auch außerhalb des üblichen Weges für die Genres Dokumentarfilm und Reportage eine Perspektive zu geben. Der ehemalige Zuseher produziert und „sendet“ jetzt selbst.

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Dr. Uwe Brückner, Bertram Verhaag, Gabriele Lechner, Kristian Gründling

Als „Filmaktivist“ bezeichnet sich Deutschlands renommiertester Dokumentarfilmer, der mehrfache Grimme-Preisträger  Bertram Verhaag. Seine Sujets behandeln ökologische und nachhaltige Themen. Mindestens vier bis sechs große Dokus und Reportagen je zu einem Themenfeld, wie „Gentechnik“, „Pharma- & Science-Kartelle“ oder „Ökologischer Landbau“. 130 große Streifen hat Verhaag mit seiner Produktionsfirma DENKmal-Film realisiert. „Filme müssen unbequem sein“ und „Dokus stellen natürlich eine Meinung dar. Die Meinung des Machers. Und da sind klare und eindeutige Aussagen wichtig.“ Und im Hinblick auf die Beschränkungen durch öffentlich-rechtliche Redaktionen ergänzt der freie Filmemacher: „Da macht Ausgewogenheit und politische Correctness keinen Sinn“. Ein bestes Beispiel für Zensur ist sein bemerkenswert direkter Film „Der Bauer und sein Prinz“. Verhaag portraitierte die Beziehung zwischen Prince Charles of Wales und seinem Ökolandwirt. Der Royal und sein Landmann leben für eine naturnahe und respektvolle Landwirtschaft. Im Film sind daher kritische Aussagen zur industriellen Pflanzentechnik nicht zu vermeiden. Das schon war zu viel für den englischen Hof. „Der Bauer und sein Prinz“ darf im gesamten Bereich des „Commonwealth“ nicht gezeigt werden. Immerhin, beim kürzlichen Besuch des Royals in München konnte Verhaag mit Prince Charles reden und er übergab ihm eine Kopie des Films. Auch hier hat ein Filmemacher seine Verbreitungswege außerhalb von Vermarktungsstrategien und Broadcast-Spielregeln gefunden.

Dutzende von Auszeichnungen machen den Münchner Kristian Gründling und seine „GRÜNfilm“-Produktionsfirma zum erfolgreichsten Werbefilm-Produzenten im deutschsprachigen Raum. Seine Auftraggeber reichen von ABB über Sixt bis Volvo. Relativ untypisch für sein Genre geriet sein Dokumentarfilm „Die stille Revolution“. Hervorgegangen aus einer Auftragsproduktion für die kleine norddeutsche Hotelkette „Upstalsboom“. Deren Inhaber und Chef versuchte einen neuen Weg der Mitarbeitermotivation und fand einen revolutionären und ethischen, wie respektvollen neuen Ansatz für „Arbeit“. Er lud die Belegschaft auf eine Reise ein und fand Gleichgesinnte und Partner.

„Die stille Revolution“, sozusagen querfinanziert von einem Unternehmen, geriet zur Ikone einer neuen Authentizität. Die Transformation der Arbeit, weg von Wertschöpfung und Erlösmaximierung hin zu Lebensaufgabe und Erfüllung. Abseits der politisch-ideologischen Debatten gibt dieser ruhige Dokumentarfilm einen Blick frei auf diesen neuen Weg, formuliert eine unausgesprochene Notwendigkeit. Kristian Gründling, der Auftragsfilmer für Werbung und Imagefilme, über seinen Dokumentarfilm – der 2017 u.a. den „Corporate Movie Award“ in Cannes gewann: „Der Film betrat Neuland, thematisch und narrativ. Spürbar zu machen, wie es gehen könnte.“ Für ihn liegt ein neuer Weg des Genres in der Kooperation mit Unternehmen. Diese ermöglichten Innovation. Unternehmenskommunikation habe längst eine propagandistische Selbstverherrlichung verlassen. Die Frage komme stärker auf: „Was tust Du für die Gesellschaft?“ Transparenz und auch Selbstkritik, gesellschaftliche Verantwortung und die Orientierung am Gemeinwohl, das seien die neuen Treiber der visuellen Unternehmenskommunikation. „Die stille Revolution“ findet auch in der Distribution neue Wege: Gründling ist seit Monaten mit dem Film im Gepäck auf Tournee durch die größten Kinos der Republik. Nach dem Screening erfolgt eine Diskussion mit dem Autor. Dokumentarfilm als Beginn eines Dialoges.

Dr.phil. Uwe Brückner/Sprecher der Sektion „Fernsehjournalismus“ der Deutsche Akademie für Fernsehen

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